Ingrid Mletzko und Horst-Gerald Mletzko, Halle/S.
2002, 237 Seiten, 46 Abbildungen, € 24,00
ISBN 978-3-930926-15-2
Rhythmus – vergleichbar einem Fluß – ist
die Wiederkehr von Ähnlichem in ähnlichen
Abständen, im Unterschied zum Takt – vergleichbar einem Kanal
– der die Wiederkehr
von Gleichem in gleichen Abständen darstellt. Leben ist ein Ensemble
von Rhythmen:
Die Jahreszeiten, das Öffnen und Schließen der Pflanzen, die
Ankunft und der Wegzug
der Vögel. Der Mond nimmt zu und ab, die Sonne geht auf und unter,
die Gezeiten haben
Ebbe und Flut, der Mensch wacht und schläft, reift und vergeht. Atem
und Puls, aber auch
Sprechen und Gehen haben Rhythmus.
Im Gegensatz zu früheren Auffassungen, die rhythmischen Vorgänge
als rein passivreflektorische
Reaktionen auf Umwelteinflüsse zu deuten versuchten, zeichnet sich
mehr
und mehr ab, das Rhythmen aktive Phänomene sein können, die sogar
jeder Zelle, ja
Zellbestandteilen zu eigen sind. Die sog. „Innere Uhr“ ist neuroanatomisch
vor allem
oberhalb der Sehnervenkreuzung im Nucleus suprachiasmaticus lokalisiert.
Im Sinne der besseren Anpassung unseres Organismus an die wechselnden Bedingungen
der Umwelt wirken die einzelnen Funktionen unseres Körpers jedoch nie
isoliert, sondern
in „vermaschten Regelkreisen“. Mit der Erforschung dieser Zeitmuster
beschäftigt sich
seit über 50 Jahren die interdisziplinäre Wissenschaft der Chronobiologie.
So wurde beispielsweise
als Zeichen der Gesundheit der Puls-Atem-Quotient von 4:1 gefunden, d.h.
innerhalb eines Atemzuges sollten 4 Pulsschläge erfolgen. Auch Lidschlag
und Tränensekretion
u.v.m. sind aufeinander abgestimmt (synchronisiert).
Die Autoren dieses Buches konnten durch kontrollierte Studien zeigen, dass
die verschiedenen Abschnitte des Verdauungstraktes
ganz spezifische Kontraktionsfrequenzen aufweisen. Es gelang ihnen international
erstmals der Nachweis der sog. Leberlappenrhythmik,
d.h. dass die einzelnen Leberlappen tageszeitlich verschiedene Aktivitätsgrade
haben. Daraus ergab sich die Modellvorstellung
des „Multioszillatorsystems“ der Leber, die auch für andere
Organe und den Gesamtorganismus genutzt werden kann.
Schmerzforschungen ergaben eine Tages- und Jahreszeitenabhängigkeit
der Schmerzwahrnehmung. So führt dieselbe Schmerzuntersuchung
morgens, tagsüber, abends oder nachts zu unterschiedlichen Resultaten.
Schmerztherapeutisch kommt es schließlich
darauf an – ähnlich wie bei einer Schaukel – im richtigen
Moment das Richtige zu tun. Chronische Krankheiten (Chronos = Zeit)
sind häufig durch gestörte Lebensrhythmen charakterisiert; entsprechend
lassen sich oft schon durch die Rhythmisierung der Lebensumstände
Beschwerden verbessern.
Die Chronobiologie liefert auch „Zeitrezepte“ um beispielsweise
Schichtarbeit und Flugreisen besser bewältigen zu können. Den
Frühaufstehern („Lerchen“) und Spätaufstehern („Eulen“)
ist mit der gleitenden Arbeitszeit geholfen. Was wir als Gesundheit, Wohlbefinden,
Glücklichsein bezeichnen, ist im Grunde nichts anderes als eine Harmonie
zwischen den Schwingungen unserer „Inneren
Uhr“ und all den anderen Rhythmen. Noch nie zuvor haben Menschen ihre
„Innere Uhr“ so strapaziert und irritiert wie heute. Eine
der verbreitetsten Krankheiten dürfte die „Angina temporis“
sein. Die „Innere Uhr“ ist zwar anpassungsfähig, doch ihr
Motto ist
nicht „Rund um die Uhr und allzeit bereit“, sondern „jedes
zu seiner Zeit“.
Jeder Mensch hat zwar dieselbe Zeit im Leben, doch wer dieses Buch gelesen
hat, der kann sehr viel mehr daraus machen.